Raus aus Gas – eine Aufgabe der „Obrigkeit“?

Raus aus Gas! Am besten sofort!

Soweit so gut. Das hat ein halbwegs aufgeklärter Mensch in Europa schon öfters gehört und vermutlich auch verstanden. Danach folgt jedoch ein Gefühl der Überforderung – auch für aufgeklärte und engagierte Bürger:innen.

„Energie“ und was diese genau ist, wurde bereits im Beitrag „Energie – eine fundamentale Größe“ erklärt. „Raus aus Gas – eine Aufgabe der Obrigkeit?“ ist ein kompakter Versuch erneuerbare Energien als Alternative zu Gas oder Erdöl zu erklären und Handlungsmöglichkeiten für jeden von uns Gemeinschaffenden aufzuzeigen.

Erneuerbare Energien

Zuerst sollten wir uns in einer Begriffsdefinition üben, damit wir auch vom Gleichen sprechen:

„Als erneuerbare Energien (EE) oder regenerative Energien werden Energiequellen bezeichnet, die im menschlichen Zeithorizont für nachhaltige Energieversorgung praktisch unerschöpflich zur Verfügung stehen oder sich verhältnismäßig schnell erneuern.“

(Wikipedia)

Wir grenzen also gegenüber jenen Energiequellen ab, die eine Regeneration nur über Millionen Jahre schaffen. IRENA definiert Biomasse, Geothermie, Wasser, Meer, Sonne und Wind als jene Rohstoffe, die zur Produktion von erneuerbaren Energiequellen genutzt werden können. Weltweit werden aktuell erst ca. 18% aus erneuerbaren Energiequellen produziert.

Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren insbesondere Sonnen- & Windkraftwerke (auch in Europa) zunehmen werden und diesen Anteil erhöhen werden. Insbesondere durch das Bestreben zum European Green Deal, ist davon auszugehen, dass die Relevanz erneuerbarer Energiequellen in allen Wirtschaftssektoren zunehmen wird. (Quelle: umweltbundesamt.at) Globale politische Veränderungen dürften diesen Prozess insbesondere in Europa aktuell massiv beschleunigen.

Merit Order – das Prinzip für den europäischen Energiemarkt

Im Sinne der Merit Order, die besagt welche Kraftwerke zuerst in unser Stromnetz einspeisen dürfen, kommen erneuerbare Energien noch vor Atomkraftwerken. Ausschlaggebend welche Technologie zuerst ins Stromnetz einspeisen darf, sind die Grenzkosten. Photovoltaik darf hier im Regelfall daher als erstes einspeisen, da die Kosten fürs Einspeisen hier am Geringsten sind. Dass Atomenergie noch vor den fossilen Energieträgern kommt, liegt daran, dass diese über 60 Jahre alte Technologie noch immer massiv subventioniert wird.

Die jungen Technologien der erneuerbaren Energiequellen, wie z.B. Photovolataik, sind ohne Subventionen überlebensfähig und amortisieren sich im Regelfall innerhalb ihrer Lebenszeit von selbst.

Explodiert der Ausbau erneuerbarer Energiequellen?

Den aktuellen (auf 15 Minuten genau) Strompreis bestimmt das letzte Kraftwerk, dass zur Deckung der Nachfrage zugeschaltet wurde – das „Grenzkraftwerk“. Im Regelfall bestimmt bei viel Wind und Sonne daher das letzte Windkraftwerk den Strompreis. Der „Merit-Order-Effekt“ verdrängt teure Kraftwerke vom Markt und senkt Nutzer:innen den Strompreis.
Explodiert jedoch der Gaspreis, explodiert der Strompreis immer dann, wenn ein Gaskraftwerk notwendig wird. Steigende Durchschnittspreise entstehen und jene Kraftwerksbetreiber mit geringen Grenzkosten verdienen besonders gut. Werden diese Einnahmen für den Ausbau vergleichbarer Kraftwerke genutzt, sollte sich der Preis mittel- & langfristig optimieren lassen. Die aktuelle übermäßige Explosion des Gaspreises in Europa und weltweit, lässt jedoch viele unterschiedliche Ideen entstehen, die hier von Vertreter:innen des Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung verglichen werden.

Bis hier ist wohl eine vermeintliche „Obrigkeit“ involviert die politischen Entscheidungen zu treffen um kurzfristige Entlastungen für Nutzer:innen zu schaffen. Der nachhaltige Weg aus der Gasabhängigkeit, ist aber nicht von großen Energieunternehmen alleine lösbar.

Erneuerbare Energien werden dezentral produziert

Kann ich eine Großstadt mit einem Atomkraftwerk versorgen, ist dies mit erneuerbaren Energien schwieriger. (Auch wenn die größten Kraftwerke der Welt, Wasserkraftwerke sind. Nicht jede Stadt hat einen Dreischluchten-Damm zur Verfügung.)

Es ist daher eine Kraftanstrengung der:des einzelnen Bürger:in gefragt, aktiv zu werden und das notwendige Wissen anzueignen um aktiv für eine nachhaltige Energiewende zu sorgen. Es ist der „Obrigkeit“, einer Regierung oder auch sonstigen Dritten niemals alleine möglich einen Wechsel hin zu erneuerbaren Energieträgern zu meistern, da diese entsprechend der verfügbaren Flächen oder natürlichen Ressourcen an ihre Grenzen stößt. Im öffentlichen Raum ist dafür zu wenig Platz – wir müssen solidarisch bereit sein, auch auf unserer privaten oder gemeinschaftlichen Eigentumsfläche offen für Veränderung sein – die Energie muss in Zukunft genau dort und meist auch zu jenem Zeitpunkt produziert werden, in dem wir sie brauchen. Diese Gleichzeitigkeit und geografische Nähe erfordert, dass wir alle bereit sind unser Verhalten ggf. anzupassen oder auch unsere Dächer oder den Boden unter uns neu zugestalten. Nur so können wir die Vielfältigkeit der lokalen Möglichkeiten, Energie verfügbar zu machen, auch wirklich nutzen zu können.

Energie speichern

Ein besonders großer Vorteil von fossilen Energieträgern ist meist die rasche Verfügbarkeit. Binnen weniger Minuten ist eine Gasturbine eingeschalten und produziert bei jeder Wetterlage und zu jeder Tages- oder Nachtzeit Strom und Wärme. Erneuerbare Energiequellen als Teil unserer Energiewende brauchen daher auch Speichertechnologien. Wir müssen Lösungen entwickeln die Wärme im Sommer für den Winter zu speichern oder den Strom vom Tag in der Nacht nutzbar zu machen. Insbesondere dank der erhöhten Nachfrage nach Elektromobilität und hohen Investitionen der dafür produzierenden Unternehmungen, entwickeln sich Technologien zur Stromspeicherung sehr rasant weiter – und der Preis für Lithium-Ionen Speicher sinkt kontinuierlich.

Wärmeenergiespeicher können dank vorhandener Technologien schon leicht umgesetzt werden. Ein gut saniertes Wohnhaus oder auch Einfamilienhaus, kann so im Sommer Energie im Boden des Innenhofs, des Gartens o.ä. speichern und im Winter nutzen. Der Wohnraum erfährt eine Kühlung im Sommer und kann im Winter gewärmt werden. Auch hier wird vielfach geforscht – mit spannenden schon einsetzbaren Ergebnissen für Industrie und private Haushalte.  Alle diese Technologien bieten viele Möglichkeiten und Chancen für eine Hausgemeinschaft sich zusammen zu schließen und auf eine lokale Autarkie bei der Wärmeversorgung zu setzen. Die Baugruppe Gartenheim in Wien Essling wird weder ans Gasnetz noch an Fernwärme angeschlossen – die Versorgung muss also am Grundstück passieren. Eine Mischung aus Geothermie, Bauteilaktivierung und Photovoltaik soll Wärme im Winter besonders nachhaltig ermöglichen. Insbesondere für den Bestand wird dies in Regionen ohne Fernwärme zukünftig eine große Herausforderung darstellen.

Energie Gemeinschaffen

Energie als Ressource anzusehen, die wir daher gemeinsam Pflegen und Hegen, damit auch spätere Generationen davon profitieren können, ist auch dem Gesetzeber als Lösung eingefallen: Energiegemeinschaften. Es ist auch unsere Möglichkeit sich verfügbare Technologien anzueignen und im Regelfall dabei sogar Geld zu sparen. Eine bessere Motivation Veränderungsschmerzen zu überwinden gibt es selten.

Meine Möglichkeiten

Ich kann bei meiner persönlichen Energieversorgung, meiner Ernährung und in meinem Mobilitätsverhalten darauf achten, welche Energiequellen mein Leben direkt unterstützen. Seit Kurzem kann ich auch selbst zum Prosumenten meiner Energie werden (vgl. Energiegemeinschaften). Beim Einkauf von regionalen und saisonalen Lebensmittel mit Bio-Qualität unterstütze ich im Regelfall den Einsatz von erneuerbaren Energiequellen und spare Energie (ein ha konventionelle Landwirtschaft braucht ca. 20-60% weniger Energie als Bio-Landwirtschaft). Bin ich mit dem Fahrrad oder öffentlichem Verkehr mobil, spare ich aktuell nicht nur massiv Kosten ein, sondern sorge für meine eigene Gesundheit und spare damit doppelt Energie – denn auch die moderne Medizin braucht viel Energie.

Im Artikel „Energiesparen im Alltag“ wird detaillierter auf Energiesparmöglichkeiten eingegangen. Folgende Artikel sind noch in der Serie zum Thema Energie im Sommer 2022 entstanden: Energie – eine fundamentale Größe, Energiesparen im Alltag.

Wenn du offene Fragen oder weitere Gedanken zum Thema hast, freuen wir uns über Kommentare unten oder eine Mail an gemeinschaffen@realitylab.at.

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