Sanierung & Dekarbonisierung III – Gesetzliche Rahmenbedingungen und Forderungen an die Politik

Gernot Tscherteu als Vortragender des Themas wärmewende.jetzt bei den Renowave Impact Days 2025

Impact Days 2025(c)RENOWAVE.AT

Im letzten Beitrag haben wir uns vor allem mit der Motivation und dem Antrieb Sanierungen und Dekarbonisierungen durchzuführen beschäftigt – dieses Mal untersuchen wir genauer welche Rahmenbedingungen es benötigt, um von der Motivation in die Umsetzung zu kommen.

In Gesprächen mit Architekt:innen, Prozessbegleiter:innen, Hauseigentümer:innen, Wohnbaugenossenschaften und Expert:innen für den rechtlichen Bereich Wohnen und Bauen wollen wir dabei herausfinden: Was sind die derzeitigen Rahmenbedingungen – vor allem rechtlich – um die Wärmewende im Bestand umzusetzen und welche Änderungen an diesen rechtlichen Rahmenbedingungen wären notwendig.

In diesem Blogbeitrag bündeln wir zentrale Aussagen zu diesem Thema aus Gesprächen mit:

  • Isabella Wall von Trimmel Wall Architekten, mit Fokus auf innovative Gründerzeitsanierungen in Wien,
  • Daniela S. Fiedler und Lukas Oberhuemer vom Team wohnbund:consult, die mit sozialer Prozessbegleitung bundesweit Sanierungen und Dekarbonisierung begleiten,
  • Bruno Sandbichler, Gründer und Geschäftsführer von sandbichler architekten zt gmbh mit Schwerpunkt auf gemeinschaftliches Wohnen, Wohnen und Arbeiten sowie partizipative Planung
  • Klemens Leutgöb von e7 gmbh, Daniela Huber von Sozialbau AG, Winfried Braumann von Reenag Holding, Isabella Wall von Trimmel Wall Architekten und Clemens Berger von der Arbeiterkammer Wien – im Rahmen der Podiumsdiskussion wärmewende.jetzt bei den Renowave Impact Days 2025
  • sowie dem Team von realitylab, das die Interviews im Rahmen des Netzwerks „gemeinschaffen.com“ führt

Einleitung – Wenn Motivation nicht reicht

Viele Eigentümer:innen und Wohnbaugenossenschaften sind bereit, den nächsten Schritt zu gehen: raus aus Gas, hin zu einer fossilfreien Wärmeversorgung. Das zeigt sich aktuell in zahlreichen Forschungs- und Umsetzungsprojekten, an denen wir und unsere Partner:innen beteiligt sind. Doch diese Bereitschaft und Motivation allein reicht oft nicht aus. 
Damit Dekarbonisierung Realität wird, braucht es ein enabling framework – technische, soziale, rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen, welche die Umsetzung nicht blockieren, sondern ermöglichen und fördern.

Isabella Wall (Trimmel Wall Architekten) bringt es im Gespräch mit Tobias Speckner und Gudrun Peller von realitylab auf den Punkt: Total wichtig, dass man beim Positiven dran bleibt, um die Wärmewende zu schaffen. Aber damit wir vom Pilotprojekt zur breiten Umsetzung kommen, braucht es den nächsten Schritt: Gesetzliche Vorgaben.

1. Aktuelle Herausforderungen

Unsere Gespräche mit den unterschiedlichsten Akteur:innen im Bereich der Dekarbonisierung zeigen: Die Probleme sind selten technischer Natur – hier gibt es durchaus schon sehr gute und funktionierende Lösungen für fast jeden Anwendungsfall. Meistens liegen die größeren Herausforderungen – bestimmt durch die derzeit geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten – in der Organisation und Finanzierung.

Daniela S. Fiedler von wohnbund:consult beschreibt die aktuelle Lage im Interview wie folgt: 

Auch bei der Open Space Veranstaltung, die im Rahmen der Initiative von waermewende.jetzt im Herbst 2024 veranstaltet wurde, war deutlich: 
Der Wunsch nach Dekarbonisierung ist da – doch Normen, Finanzierungsmodelle und Zuständigkeiten bremsen oft den Fortschritt.

„Wir müssen temporär Regeln übergehen können, um bis 2030 voranzukommen. Vereinfachtes Bauen, wie in Deutschland mit dem Bautyp E, wäre ein Anfang.“

Bruno Sandbichler, Architekt

2. Schwierigkeiten in der derzeitigen Gesetzgebung

Basierend auf Interviews, Studien, Veranstaltungen und dem White Paper „Wohnrecht und Finanzierung von Dekarbonisierung“ zeigen sich mehrere Problemfelder:

– Heizkostenabrechnungsgesetz: veraltet, kompliziert, unpassend für erneuerbare Energieversorgungssysteme
– Einzellieferverträge: untergraben Verantwortung, umgehen mietrechtliche Vorgaben
– Keine wirtschaftlichen Anreize im Richtwertsystem: Dekarbonisierung ist nicht vorgesehen
– Unklare Duldungspflichten: Ein einzelner Eigentümer kann Gemeinschaftsprojekte blockieren
– Zersplitterte Förderlandschaft: unsicher, kurzfristig, komplex

Das White Paper, welches im Zuge der Initiative Wärmewende.jetzt in Zusammenarbeit von realitylab, e7 und reenag mit Unterstützung zahlreicher Expert:innen erarbeitet wurde, beschäftigt sich hauptsächlich mit Anpassungsvorschlägen für das MRG (Mietrechtsgesetz) und für das HeizKG (Heizkostenabrechnungsgesetz) und kann hier frei heruntergeladen werden: “Praxisvorschläge für punktuelle Anpassungen des MRG und anderer gesetzlicher Regelungen zur Ermöglichung von Investitionen in Dekarbonisierung und „Raus aus Gas“

Besonders komplex sind die Rahmenbedingungen derzeit für die Umstellung auf ein erneuerbares Heizungssystem in Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG). Die im Rahmen des Projekts „WEG zur Zukunft – Klimafit im Wohnungseigentum“ von wohnbund:consult, Renowave, ÖVI und Schöberl & Pöll GmbH kürzlich veröffentlichte Broschüre „Sanieren im Wohnungseigentum“ listet eine Reihe häufig auftretender Schwierigkeiten für die Umsetzung von Dekarbonisierungsmaßnahmen auf:

  • Unklare Mehrheitenregelungen: Es besteht häufig Unsicherheit darüber, welche Mehrheit bei welchem baulichen Eingriff erforderlich ist – einfache Mehrheit, Zweidrittelmehrheit oder Einstimmigkeit.
  • Uneinigkeit über Investitionen: Eigentümer:innen mit unterschiedlichen Interessenlagen (z. B. Eigennutzer vs. Vermieter) blockieren oft notwendige Investitionen, da sie nicht gleichermaßen profitieren.
  • Verwaltungen mit Ermessensspielraum: Hausverwaltungen interpretieren wohnrechtliche Vorgaben unterschiedlich – vor allem bei der Frage, ob eine Maßnahme als Erhaltung oder Verbesserung gilt.
  • Fehlende rechtliche Handhabe bei Blockaden: Es fehlt ein klarer Rahmen, wie mit Eigentümer:innen umzugehen ist, die Projekte grundlos verzögern oder verweigern.

Die Broschüre zeigt auf welche Schritte mit der derzeitigen Gesetzeslage für eine Sanierung und Dekarbonisierung notwendig sind und liefert Klarheit wer was entscheiden darf und wer für was zuständig ist innerhalb einer WEG. Die häufigsten Fragen und Antworten finden sich auf der Projekthomepage.


Das Projekt zeigt aber auch deutlich auf: Ohne mehr Klarheit bei Förderungen und ohne eine gezielte Novellierung des Wohnungseigentumsgesetzes (WEG), des Mietrechtsgesetzes (MRG) und auch des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes (WGG) bleiben viele Projekte in der Schwebe – selbst wenn technische, soziale und finanzielle Voraussetzungen erfüllt wären.

Aufbauend auf den Erkenntnissen des Sondierungsprojekts wird ab 2026 im Folgeprojekt „WEG zur Zukunft DEMO“ praxisorientiert weitergearbeitet. Dabei wurde das Projektkonsortium teilweise neu zusammengesetzt und erweitert. Das aktuelle Projektteam vereint Expertise aus der empirischen Sozialforschung, Beteiligungs- und Kommunikationsprozessen, Immobilienwirtschaft, nachhaltiger Stadt- und Immobilienentwicklung, Energieeffizienz und Sanierung, innovativen Finanzierungsansätzen sowie Wissenstransfer, Vernetzung und Weiterbildung:

Diese Plattform bietet Unterstützung, Orientierung und praxisnahe Informationen rund um Sanierungsprozesse und Heizungsumstellungen in Wohnungseigentümergemeinschaften. Sie bündelt Wissen zu Kommunikation, rechtlichen Grundlagen, Finanzierungsfragen, wirtschaftlichen und technischen Aspekten und wird im Zuge des Projekts laufend erweitert. 
Ziel ist es, komplexe Vorhaben greifbar zu machen und Wohnungseigentümergemeinschaften auf dem Weg von der ersten Idee bis zur Umsetzung zu unterstützen. 

3. Was sich ändern muss: Empfehlungen aus Forschung & Praxis

Das Bild zeigt die Diskutanten bei den Renowave Impact Days zum Thema Rahmenbedingungen für Dekarbonisierung und "Raus aus Gas"

Impact Days 2025(c)RENOWAVE.AT

Das White Paper “Praxisvorschläge für punktuelle Anpassungen des MRG und anderer gesetzlicher Regelungen zur Ermöglichung von Investitionen in Dekarbonisierung und „Raus aus Gas“, die Broschüre „Sanieren im Wohnungseigentum“, sowie die Diskussion bei den Renowave Impact Days im Herbst 2025 liefern konkrete Vorschläge – vor allem in Hinsicht auf Anpassungen beim Mietrechtsgesetz (MRG) und Heizkostenabrechnungsgesetz (HeizKG):

– Einführung eines Zuschlagssystems oder eigener Kategorie für dekarbonisierte Wohnungen im Richtwertsystem 
– Klarstellung von Duldungspflichten im Miet- und Wohnungseigentumsrecht, damit einzelne Personen notwendige Dekarbonisierungsmaßnahmen nicht dauerhaft blockieren können
– Reform oder Abschaffung des Heizkostenabrechnungsgesetzes, das für Niedertemperatursysteme, Wärmepumpen und gemeinschaftliche Versorgungslösungen vielfach nicht mehr geeignet ist, zugunsten transparenter Pauschalen 
– Verbot oder Regulierung von Einzellieferverträgen in Mehrparteienhäusern 
– Entwicklung langfristiger Finanzierungsmodelle, beispielsweise staatlich abgesicherter Kredite mit langen Laufzeiten (z.B. 45 Jahre), um hohe Anfangsinvestitionen sozial verträglich zu machen.
– Schaffung eines stabilen und langfristigen Fördersystems, das Planungssicherheit bietet und nicht von kurzfristigen Fördercalls oder ausgeschöpften Fördertöpfen abhängt.
– Anpassung des Wohnungseigentumsgesetzes (WEG), insbesondere bei Mehrheitsverhältnissen und Beschlussfassungen für gemeinschaftliche Energieinfrastruktur
– Verantwortlichkeitsklarheit für neue Heizsysteme – Wer ist Betreiber? Wer haftet? 
– Öffnung des Wohnungsgemeinnützigkeitsrechts für gemeinnützige Wärmeinfrastrukturinvestitionen 
– Unterstützung und rechtlicher Rahmen für Wärmegenossenschaften / HeatCOOPs

Genauer nachzulesen sind die Empfehlungen betreffend des MRGs und HeizKGs im White Paper:

Ausblick

Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind einer der wichtigsten Hebel – im nächsten Blogbeitrag beschäftigen wir uns auch mit den technischen, sozialen und finanziellen Aspekten betreffend Herausforderungen & Gelingensfaktoren bei Sanierungen und Dekarbonisierungen
Wie geht man mit Konflikten um? Wo liegen strukturelle Hürden? Und was braucht es, damit Beteiligung gelingt?

Bleibt dran – wir freuen uns auf die Fortsetzung.

Teilen Sie auch gerne Ihre Erfahrungen mit Dekarbonisierung mit uns in den Kommentaren, per Privatnachricht, Mail oder im persönlichen Gespräch!

Wir sind offen für Anfragen und Austausch zu Themen und Projekten im Bereich der Bestandstransformation. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.

Die Blogreihe entsteht im Rahmen unserer Forschungs- und Umsetzungsprojekte – u.a. HeatCOOP in Zusammenarbeit mit unseren Projektpartner:innen:

e7 energy innovation & engineering
Reenag Holding Gesellschaft m.b.H.
Gemeinnützige Siedlungs-Genossenschaft Altmannsdorf und Hetzendorf
Treberspurg & Partner Architekten ZT GmbH

Gemeinsam möchten wir die Wärmewende gestalten – nachhaltig, lokal und zukunftssicher.

Vielen Dank an unsere Interviewpartner:innen:
Trimmel Wall Architekten: www.architekten.or.at
wohnbund:consult: wohnbund.at

Mehr zu unseren Projekten auf:
realitylab.at
Wärmewende.jetzt
gemeinschaffen.com

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